Räbeliechtli-Umzug beim Dorfbrunnen in Fanas am 11.11.2019.
Am Tag wurden von den Kindern die „Räbe“ ausgehöhlt, die äussere Haut zu einem Sujet herausgelöst und auf den Rand des Dorfbrunnens gestellt, damit am Abend, das innere Kerzenlicht durch die geschnittenen Formen von Sonne, Mond und Sterne scheint.
Laterne, Laterne, Sunne Mond und Sterne Gib en helle Schii, gib en helle Schii Dass ich nümme mue im Dunkel sii.
Ich bin mit miim Rääbeliechtli underwägs hüt z Nacht …
Ich gang mit miner Laterne und mini Laterne mit mir. Am Himmel lüchted dSterne, do unne lüchted mir. De Güggäl chrait und dChatz miaut, la bimmel, la bammel la bumm.
Sashiko (kleine Stiche) ist eine traditionelle japanische Nähtechnik, die ursprünglich für die Reparatur von Kleidungsstücken verwendet wurde. Es besteht aus einfachen Stichen in einem bestimmten Muster und ist jetzt auch eine beliebte Form der Handarbeit und Kunst. Sashiko ist bekannt für seine Schlichtheit und Schönheit sowie für seine robusten und langlebigen Eigenschaften. Durch die Regelmässigkeit der Stiche und der genauen Flächennutzung, entsteht ein ästhetisches Produkt.
Als Gesamtheit sämtlicher Gefühlsregungen und eventueller geistiger Vorgänge, steht im heutigen Sprachgebrauch der Ausdruck Seele als Platzhalter, und meint damit die Psyche, die sich wieder aus dem altgriechischen ψυχή, als „Seele“ übersetzen lässt. Die Seele sozusagen als unsichtbares Element mit unermesslicher Vielfalt.
Im Werk 195 | Nara Ply, äusserlich einheitlich grün, befindet sich, aus Perspektive der japanischen Seidenkürtelflechterei, eine sogenannte Seele. Will sagen: Ein inneres, unsichtbares, geflochtenes Kumihimo, in einem äusseren, verdeckenden und zugleich schützendem Kumihimo.
Werk 195 | Nara Ply ist schön anzuschauen und mit Konzentration fertiggestellt. Das Innere, in seiner Farbenpracht, Komplexität und künstlerischem Anspruch, ist nur der Kumihimo-Flechterin bekannt und bleibt geschütztes Geheimnis für die Trägerin, für den Träger. Im Besitz eines solchen Bandes, verfügt man sozusagen über ein unbewiesenes Wissen im Vertrauen auf die eigene Einschätzung.
Werk | 195 Nara Ply | handgeschmiedete 750 Goldfassung
Die Kunst, aus gefärbten Seidenfäden gemusterte Gürtel, Bänder und Schnüre zu flechten, gehört zu den ältesten Formen japanischen Kunsthandwerks. Von Generation zu Generation wird die seit dem siebten Jahrhundert alte Flechtkunst von Meisterinnen, in lebendiger Tradition, bis zum heutigen Tag weitergegeben.
Einem jeden Kumihimo sind über die Zeit rhythmische Bewegungen, konzentrierte Geduld und lebendige Phantasie vorausgegangen; zum Schluss zu einer Einheit verbunden.
Jedes meiner Bänder hat eine Geschichte, wie es als Idee in farblicher Kombination zustande kam. Vom Marudai | 丸台, dem runden Gestell für das Kumihimo-Flechten, gelöst, dann die beiden Enden über den Dampf gehalten, das Werk in Schlaufen gelegt und zum Schluss, nach prüfendem und stolzen Blick, mit meinem Etikett versehen. Jedes Werk ist mit einer Nummer, all seinen technischen und ideellen Koordinaten in einem Register hinterlegt und kann so, in seiner Herkunft, manchmal auch in seiner Nutzung, immer identifiziert werden.
Steine in den Händen zu halten, sind sie auch noch so klein, ist ein Erlebnis für die Haut. Ich bekomme dabei ein gutes Gespür für die Beschaffenheit. Stehen sie zuhauf zur Verfügung, können sie über den Boden verteilt werden, auf einem Platz, einer Wegstrecke oder in einem Raum. Steine sind die Ruhe selbst, ein Schritt auf Kies schafft Vertrauen für die Füsse.
Einen Stein finden ist wie die Suche nach dem richtigen Partner. Abgesehen davon möchte man schliesslich eine Zeit mit ihm verbringen, darauf vertrauen, dass die Struktur hält was sie im ersten Augenschein und durch betasten, klopfen und leichten Hammerschlägen verspricht.
Das Leben ist kein kurzes Toben, das Steinhauen kein unbestimmtes Hämmern an falscher Stelle. Bevor ich meine Arbeit aufnehme, beginnt das Tasten mit den Händen, – Beziehung und Verständnis für das vor mir liegende Stück unbehauene Natur zu schaffen.
Entlang der Struktur: Zwingt man den Stein dazu etwas zu sein, was er im Ziel seiner ursprünglicher Form nicht war, zerspringt er vor Wut, zwingt selbst, die Arbeit von vorne zu beginnen. Es gilt, sozusagen ihm anzusehen zu was er taugt, zu welchem Ziel er geeignet ist, was unter der Haut – der ersten Schicht – für Richtungen, Strukturen gegeben sind.
Ein falsch gesetzter Meissel, ein Schlag ohne Gefühl, kann eine vorangeschrittene Arbeit beenden, oder kreativer Impuls für eine neue abgeänderte Absicht sein.
Die Gewohnheit meint, dass Farben und deren Zusammenstellung, Geschmacksache sei. Der traditionelle Umgang mit Farben hat in Japan historischen Ursprung. Das Twelve Level Cap and Rank System und auf den fünf chinesischen Elementen. Dazumal, 603, wurden der Stand und die soziale Hierarchie durch Farben dargestellt. So gab es verbotenen Farben, die für bestimmte hohe Beamte bestimmt waren und solche, die für das gemeine Volk bestimmt war.
Die Namen der Farben entlieh man sich aus der Pflanzen- und Tierwelt.
Kirschblüten | 桜色
Blasse junge Frühlingszwiebel | 淡 淡 萌
Goldenes Laub |黄 黄 朽
Braune Ratte | 丼 丼
Eine aus meinem Schweizer Garten entnommene natürlich entstandene Farbkombination, liess mich die Farben meines Kumihimo Marugenji 2 zusammenstellen:
In Japan wird durch das Jahr ständig die Natur gefeiert. Da gibt es das Fest der Pflaumenblüten, das Fest der Stockrosen, das Fest der Iris, der Azaleen und das Fest Tanabata. Beim Letzteren wird das Zusammentreffen von Altair, dem Stern der Rinderhirten und, wo ich mich sehr angesprochen fühle, Wega, dem Stern der Weberin, gefeiert. Die Kirschblüte ist bekannt und man bringt sie sofort mit Japan in Verbindung, kein Wunder, kann doch das Land von März bis April, je nach Region, von Blütenpracht zu Blütenpracht bereist werden.
Mitte März werden Kirschblüten in Hiroshima, Fukuoka und in Kagoshima, ganz im Süden, ihre Farben preisgeben und, in guten Zeiten, eine ganze Woche ihre vollen Blüten zeigen.
Ende März wird Koyoto, Osaka und Tokio die Landschaft in dieses wunderbare und leichte Rosa verwandeln.
Anfang April, ist das Schauspiel in Nagano, immer noch in Tokio, und gegen Ende April in Sendai, zu beobachten.
Kirschblüte
Das Kumihimo Sakuragenji | Kirschblüte, wird im März 2020 von mir angefertigt.
Der Übergang von Winter und Frühling wird in der Natur von der Pflaumenblüte eingeleitet. Die Blüten sind weiss bis dunkelrosa. Erleben kann man die Blumenpracht im Februar und im März. Die Japaner nennen diesen Baum Ume. In der Heianzeit, also zwischen 794 und 1185 wurde das Pflaumenblüten-Fest gefeiert, bis es vom Kirschblüten-Fest, in seiner Bekanntheit, abgelöst wurde.
Pflaume, Pflaume in der ganzen Welt. Je kälter es ist, desto blühender. / Die Ausdauer der Pflaume symbolisiert uns. Hoch aufragendes Groß-China. / Sieh’ wie die Pflaume überall blüht. / Da ist ein Land dabei. / Es hat keine Angst vor Schnee und Regen. / Dies ist meine nationale Blume. / Sieh’ wie die Pflaume überall blüht. Da ist ein Land dabei. / Es hat keine Angst vor Schnee und Regen. / Dies ist meine nationale Blume.
Das Werk 110 | Umegara Gumi | Pflaumenblüte, entstand als Einzelstück im März 2018
Jahr für Jahr – durch das Jahr – wiederholen sich in Japan die von der Natur veranstalteten Farben und Farbzusammenstellungen. So kann ein Kumihimo, Ausdruck, Erinnerung und Anlass zur gestalterischen Seidengürtelflechterei sein. In der Tradition käme doch niemand auf die Idee, ein mit Kumihimo-Bändern kostbar geschmücktes Kleidungsstück zur falschen Jahreszeit zu tragen. Eine bestimmte Kleidung, zum Beispiel mit den Farben der Kirschblüte oder der Pflaumenblüte, hat bei den Japanerinnen einen ernsten Anspruch, der mit Sorgfalt von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Mich fasziniert das Farbenmeer, verschiedener Kumihimo-Bänder, wenn sie, in Nuancen, auf den japanischen Märkten reihenweise nebeneinander hängen und die traditionsbewussten Japanerinnen zu Auswahl bitten.
Meine Kostbarkeiten bewahre ich in meinem Kumihimo-Schrein auf. Sortiert nach Muster, Farben, Anzahl Tamas, Fäden und Stärken. Besondere Stücke, die sich dadurch auszeichnen, im Beisein meiner Lehrerin, Frau Regula Berger-Haupt zustande gekommen zu sein, oder ihres Schwierigkeitsgrades wegen, im Sinne von Exklusiv von mir bewertet zu werden, liegen lichtgeschützt und sorgsam gebettet in einem anderen Holz.
Japan ist anders und trägt zu einem angenehmen Stück Vielfalt in unserer Welt bei. Während in Europa die Farbzusammenstellungen dezent gehalten werden und man sich daran freut, dass das zur Zeit – schon lange – beliebte Schwarz, so wunderbar einfach mit vielem kombiniert werden kann und die Menschen auf den ersten Blick gut angezogen wirken, empfindet Japan noch nicht mal Mut, um selbstbewusst Farben zu kombinieren, an dessen Gesamtbild wir, die Europäer, sich erstmal gewöhnen müssen. Ich finde es herrlich, dieses Pastell, dieses Feine und dieses Gespür, das sich mit der Zeit bei einem selber einfinden, wenn Inspiration im japanischen Sinne stattfinden soll:
Nietzsche fand in jungen Jahren seine Inspiration nur bei Wagner, – später im Engadin. In einer ersten Begegnung mit dem Komponisten, bedankte er sich mit den Worten:
„Sehr verehrter Herr, wie lange habe ich schon die Absicht gehabt, einmal ohne alle Scheu auszusprechen, welchen Grad von Dankbarkeit ich Ihnen gegenüber empfinde; da sich tatsächlich die besten und erhobensten Momente meines Lebens an Ihren Namen knüpfen.“
Inspiration , Synonym für Gedanke, Erleuchtung, Anregung, Idee, Geistesblitz, Einfall, Einbildungskraft, Erfindungsgabe und so weiter, ist der Ernährer meiner künstlerischen Arbeit. Ein herrliches Geschenk meiner Grossnichte Nerea, erinnerte mich an das eigene Kindesalter, aus dem leider keine beweisbaren umgesetzte Kreationen mehr vorhanden sind.
In der Folge und beim Beobachten meiner Seidenfäden, die während der Seidengürtelflechterei auf den Boden fallen, bin ich jedesmal von der zufälligen Farbzusammenstellung inspiriert und durch Nereas buntes Rund, dem Gedankenblitz verfallen, ein paar schöne und auffällige Broschen zu kreieren.
Bereits vor „Christi Geburt“, im Orient sowie Zentralasien, begann die Technik des Patchworks. Eines der ältesten Stücke wurde sogar von Gazellenhaut angefertigt.
ArtNoll® #959 Serie Vögel “Textilverarbeitung” (Kunstkarte) Weitere Kunstkarten
Inspiriert von einem Blumenmeer, das im Herbst, für den Winter, zum Lagern in den Keller gebracht, …